VivAge – Lebensabend im Dorf

Hochbetagte Menschen haben vielfach den Wunsch, in ihrer vertrauten Umgebung wohnen zu bleiben. Tagesstrukturierende Angebote helfen insbesondere alleinstehenden Senioren dabei, Vereinsamung vorzubeugen. Eine zunehmende Zahl von Tagesstätten oder Senioren-WGs trägt darüber hinaus auch bei Demenzstörungen oder Pflegebedürftigkeit dazu bei, Heimaufenthalte zu vermeiden. Diese Unterstützungsmaßnahmen fehlen oft in kleinen Dörfern. In einem neuen Projekt untersucht das Zukunftszentrum Holzminden-Höxter (ZZHH) der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaften und Kunst und der Hochschule Ostwestfalen-Lippe jetzt, welche Chancen sich aus Angeboten landwirtschaftlicher Betriebe ergeben.

In kleinen Dörfern ist die Ortsbindung alter Menschen meist sehr ausgeprägt. Durch die zunehmende Frauenerwerbstätigkeit und die Abwanderung junger Menschen fehlen jedoch Unterstützungsmöglichkeiten. Das kann bei Hilfe- oder gar Pflegebedürftigkeit zu Versorgungslücken führen.

Wie andere Länder – vor allem Norwegen und die Niederlande – zeigen, gibt es in landwirtschaftlichen Betrieben oft räumliche und zeitliche Kapazitäten, um diese Lücken über ein Angebot sozialer Dienstleistungen zu schließen. Positive Effekte der landwirtschaftlichen Umgebung gerade auf Demenzkranke sind dabei bereits nachgewiesen. Formale Hindernisse könnten diese pragmatische Lösung jedoch verhindern, da Altenhilfe und Landwirtschaft in der deutschen Politik und Verwaltung vollkommen getrennt strukturiert sind.

Krisch + Busch

Bringen unterschiedliche Perspektiven in das Projekt ein: Michael Krisch (l.) und Claudia Busch (r.)

In dem interdisziplinär angelegten Projekt „Lebensabend im Dorf. Seniorenangebote auf landwirtschaftlichen Betrieben“, kurz VivAge, analysieren die Mitarbeitenden des ZZHH daher zunächst, ob die Trennung von Zuständigkeiten, formalen Vorgaben und der Gesetzgebung diese Kombination erschwert und welche Erfahrungen Betriebsleiterinnen und -leiter sowie ältere Menschen in bereits bestehenden Angeboten gemacht haben. In einem zweiten Schritt werden vier tragbare Modelle in der Verbindung von Landwirtschaft und Seniorenangeboten entwickelt. Diese sind für unterschiedliche Versorgungsintensitäten ausgerichtet – von rein tagesstrukturierenden Angeboten bis hin zu Pflegemaßnahmen. Es wird jeweils erarbeitet, welche fachlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen nötig sind, wie ein hochwertiges Qualitätsmanagement gesichert werden kann und welche Einkommensmöglichkeiten sich für landwirtschaftliche Betriebe ergeben.

Das Projekt wird von Claudia Busch und Michael Krisch bearbeitet, die vor ihrem jeweiligen beruflichen Hintergrund unterschiedliche Sichtweisen auf die Thematik einbringen. Während Claudia Busch nach ihrem agrarwissenschaftlichen Studium vielfältige Erfahrungen sowohl in der Dorfentwicklung als auch der Kombination von Landwirtschaft und sozialer Arbeit gemacht hat, liegt der berufliche Schwerpunkt von Michael Krisch in den Pflegewissenschaften und der Arbeit mit Senioren. Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus den Studiengängen Baumanagement und Soziale Arbeit der HAWK sowie externen Partnerinnen und Partnern garantiert die Einbindung weiterer fachlicher Kompetenzen.

Aus den Modellen, die das Team gemeinsam entwickelt, werden anschließend Handlungsempfehlungen für die politische Rahmengestaltung abgeleitet. Darüber hinaus werden sie praxisorientiert in Leitfäden dargestellt, die landwirtschaftlichen Betrieben, Wohlfahrtsverbänden und dörflichen Akteuren direkte Umsetzungsmöglichkeiten eröffnen. Nähere Informationen zum Projekt VivAge gibt es unter http://vivage.hawk-hhg.de .

Mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Projekt bietet sich für das ZZHH eine weitere Möglichkeit, einen Beitrag zur Zukunftssicherung ländlicher Regionen zu leisten, indem über einen innovativen Ansatz Lösungsoptionen für die Herausforderungen des demografischen Wandels geboten werden.

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