Forschungsgruppe Digitalisierung in ländlichen Räumen

Die Leitung der Forschungsgruppe Digitalisierung in ländlichen Räumen hat Prof. Dr. Klaus Maas.

Digitalisierung im ländlichen Raum – eine begriffliche Annäherung

Digitalisierung kann, sofern sie in einem dialogischen Prozess mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren und einem ganzheitlichen Ansatz angegangen wird, Lösungen bieten, um räumliche und infrastrukturelle Standortnachteile auszugleichen.

Die Kreise Lippe und Höxter haben mit dem Projekt Smart Country Side einen Grundstein für einen derartigen Prozess gelegt. Inwieweit die bisherige Herangehensweise und die Zwischenergebnisse Wirksamkeit entfalten konnten, ist Gegenstand einer Evaluation.

Doch was genau ist Digitalisierung? Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beschreibt mit der Digitalen Strategie 2025 zehn Aspekte der Digitalisierung [BMWi 2016]:

  • Glasfasernetz
  • Unterstützung von Start-Ups
  • rechtlicher Ordnungsrahmen
  • intelligente Vernetzung
  • Datensicherheit, Datensouveränität
  • Geschäftsmodelle für KMU, Handwerk und Dienstleitungen
  • Industrie 4.0
  • Forschung & Entwicklung
  • digitale Bildung
  • Digitalagentur als Kompetenzzentrum.

Die Digitalisierung im ländlichen Raum ist hierbei nicht explizit berücksichtigt, sondern in einigen Punkten mitgemeint, bspw. beim Glasfasernetz, den Geschäftsmodellen für KMU, Handwerk und Dienstleistungen oder der digitalen Bildung.

Im Rahmen einer Evaluierung bietet sich ein nutzerorientierter Ansatz an, um die Digitalisierung als Transformationsprozess im ländlichen Raum und durch Bürgerinnen und Bürger erfassen zu können. Als ein geeigneter allgemeiner und anpassbarer Ansatz erscheint das SAMR-Modell von Puentedura besonders geeignet [Puentedura 2006], [Puentedura 2012].

Auf unterster Ebene des Modells entsteht durch Digitalisierung ein technischer Ersatz analoger Prozesse ohne eine funktionale Änderung (S für Substitution). Ein Beispiel für diesen Ersatz wäre eine digitale Informationstafel in einem Dorfzentrum, die gegenüber der analogen Vorgängerversion keine zusätzlichen Informationen oder Funktionen liefert. Lediglich die Pflege der Informationen kann schneller, vielfältiger und womöglich ressourcenschonender erfolgen.

Auf der nächsten Ebene findet durch die Digitalisierung eine Erweiterung statt (A für Augmentation). Ein Beispiel für diesen Ersatz wäre eine Informationstafel im Dorfzentrum, die eine funktionale Verbesserung gegenüber der analogen Vorgängerversion bietet, bspw. die Verlinkung von Multimedia-Inhalten, Simulationen entlang einer Zeitachse, oder eine interaktive Karte mit Touch-Funktion.

Diese beiden Ebenen bieten eine Verbesserung. Die folgenden beiden Ebenen bieten zusätzlich eine Umgestaltung im Sinn einer Transformation.

Die dritte Ebene bietet eine Änderung und Neugestaltung von Aufgaben (M für Modification). Die Vermittlung von Informationen ist auf dieser Ebene nur noch digital und über Vernetzung möglich. Es bedarf dazu eingebetteter Kommunikationswerkzeuge. Um beim Beispiel der Informationstafel zu bleiben, könnte man sich einen Blog zu einem bestimmten Ereignis, bspw. einer Dorfversammlung vorstellen. Alle Teilnehmer können Informationen in den Blog einstellen oder andere Einträge kommentieren. Der Blogverlauf könnte in die Informationstafel integriert sein.

Die oberste Stufe der Digitalisierung nach Puentedura ist die Neubelegung von Aufgaben (R für Redefinition). Diese Neubelegung wird erst durch Digitalisierung ermöglicht. Am Beispiel der Informationstafel wäre dies die Darstellung komplexer Inhalte, die analog schwerlich in ansprechender Zeit zu vermitteln wären. Man könnte sich eine raum-zeitliche Modellierung und Simulation der Dorfgeschichte auf der Informationstafel vorstellen, mit Zeitschieberegler und Einblendung von Essays von Zeitzeugen, Bildern und Videos.

Die Digitalisierungsgrade nach Puentedura müssen nicht wertend verstanden werden, d.h., der vierte Grad ist nicht grundsätzlich besser, als die anderen Grade. Vielmehr geht es um Angemessenheit der Maßnahmen auf beiden Seiten des Informationskanals: dem Anbieter der Information, bspw. eine Gruppe ehrenamtlich tätiger Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner sowie dem Nutzer der Informationen, bspw. Touristen.

SAMR Modell nach Puentedura zur Darstellung des Durchdringungsgrads von digitalisierten Anwendungen. In Anlehnung an [Puentedura 2006]. Übersetzung (1. und 2. Spalte): Wilke, A., Universität Paderborn.

Hinsichtlich der Angemessenheit der Maßnahmen können die allgemeinen Kriterien Effektivität, Effizienz, Akzeptanz und Nachhaltigkeit angesetzt werden, und zwar aus Perspektive beider genannten Richtungen des Informationsflusses.

Effektivität im Sinn eines Richtigkeitskriteriums, d.h., eine Maßnahme erzielt die gewünschte Wirkung. Die Frage nach der Effektivität muss mit Ja oder Nein beantwortet werden. Digitalisierung muss demnach einen Effekt in Richtung der gewünschten Wirkung haben.

Effizienz im Sinn eines Fruchtbarkeitskriteriums, d.h., mit wieviel Aufwand wurde welche (gewünschte) Wirkung erzielt. Die Frage nach Effizienz kann bspw. mit einem Wirkungsgrad beantwortet werden.

Akzeptanz hinsichtlich der Anwendbarkeit durch die Zielgruppe von Maßnahmen. Die Akzeptanz kann durch weitere Kriterien, wie bspw. Ergonomie, Nachvollziehbarkeit, Transparenz und vor allem durch Kosten untersucht werden. Akzeptanz ist auch die Frage, ob womöglich bestandene Vorbehalte gegenüber einer Maßnahme zur Digitalisierung, bspw. hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit, abgebaut werden konnten.

Nachhaltigkeit ist in der allgemeinen Kriteriensystematik ein vergleichsweise neuer Prüfstein, entstanden durch ganzheitliche Sichtweisen, wie bspw. bei Craddle-2-Craddle Betrachtungen: eine scheinbar teure Lösung kann sich als besonders nachhaltig erweisen und damit gesellschaftlich oder volkswirtschaftlich die bessere Lösung sein. Nachhaltigkeit im vorliegenden Kontext ist letztlich die Frage, ob eine Maßnahme zur Digitalisierung bspw. auf ehrenamtlicher Basis weitergeführt werden weiterentwickelt werden kann.

Die Prüfsteine der o.g. Kriteriensystematik beziehen sich in besonderer Weise auf die Wirkung von Digitalisierung hinsichtlich räumlicher oder infrastruktureller Nachteile im ländlichen Raum. Hier greift die Evaluation in den Untersuchungsgebieten in den Kreisen Lippe und Höxter an: Inwieweit verändert Digitalisierung das Leben im ländlichen Raum?

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Beining, L.; Müller-Eiselt, R.; Wohlfahrt, A.: Digitalisierung braucht Ehrenamt. Der digitale Wandel als Gestaltungsaufgabe für die ganze Zivilgesellschaft. Stiftung Neue Verantwortung in der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2017.

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) (Hg): Digitale Strategie 2025. Stand März 2016.

Puentedura, R.R.: Transformation, Technology and Education. Hippasus Blog 2006.

Puentedura, R.R.: Focus: Redefinition. Hippasus Blog 2012.