Dorfforschung

Die Dorfforschung an der HAWK formiert sich seit Mitte 2016 in der Arbeitsgruppe „Ländliche Räume und Dorfentwicklung“ an der Fakultät Ressourcenmanagement. Sprecher ist Prof. Dr. Ulrich Harteisen und Koordinatorin Dr. Swantje Eigner-Thiel. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit sozioökonomischen, historisch-kulturellen und historisch-geographischen sowie ökologischen Aspekten der Dorfentwicklung. Empirisch-angewandte Forschungsarbeiten, die hier durchgeführt werden, beziehen sich beispielsweise auf das Alltagsleben im Dorf, den demografischen Wandel, die Daseinsvorsorge, die Dorfgemeinschaft, die Lebensqualität im Dorf insgesamt, die Rolle des Ehrenamts im Dorf, auf Zuwanderung und Integration, Gesundheit und Pflege, Gartenkultur, Bildung, Mobilität, um nur einige der Themen zu nennen. Darüber hinaus stehen die Beziehungen vom Dorf zur umgebenden Kulturlandschaft wie auch die Bezüge zwischen Dorf und Stadt im Fokus des Forschungsinteresses. Mehrere Doktoranden werden mit ihren Themen zur Dorfentwicklung betreut, unter anderem in dem Promotionskolleg „Dörfer in Verantwortung – Chancengerechtigkeit in ländlichen Räumen sichern“. Ziele der Gruppe sind außerdem die Begleitung und Beratung von Dorfentwicklungsprozessen, Politikberatung, z.B. in der Zusammenarbeit mit Kommunal- und Fachverwaltungen, und der Transfer zwischen Forschung und Praxis durch die Durchführung inter- und transdisziplinärer Tagungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Promotionen innerhalb der Forschungsgruppe Dorf:

2020: Alistair Adam Hernández zum Thema „Resiliente Dörfer gestalten“

Alistair Adam Hernández hat jetzt mit der Disputation an der Universität Vechta seine Promotion zum Thema „Resiliente Dörfer gestalten“ mit der herausragenden Gesamtnote ‚summa cum laude‘ abgeschlossen. Die Dissertation mit dem Titel ‚Resiliente Dörfer gestalten. Analyse von Akteur*innen, Lernprozessen, Wirklichkeitskonstruktionen und Entwicklungen in drei ländlichen Gemeinden der europäischen Peripherie‘ wurde von Prof. Dr. Ulrich Harteisen (HAWK) und apl. Prof. Dr. Karl Martin Born (Universität Vechta) betreut.

Beide Betreuer waren sich einig, dass die Dissertation von Alistair Adam Hernández eine eindrucksvolle intellektuelle Gesamtleistung darstellt, wobei sowohl die Ausführungen zur Theorie als auch die empirische Forschung in einer bemerkenswerten inhaltlichen Tiefe erfolgten.

 

Adam Hernández interessiert, inwiefern die Resilienz-Forschung neue Ansatzpunkte und Blickwinkel für Fragen der Dorfentwicklung bereithält. Der zentrale Begriff ‚Resilienz‘ wird in seiner Genese, disziplinären Verankerung und schließlich in seiner Bedeutung zur Beurteilung der Transformationsfähigkeit von Dörfern analysiert. Es wird deutlich, dass die Fähigkeit zur Transformation ein wesentliches Element der Resilienz ist. Adam Hernández verfolgt in seiner Forschung einen systemwissenschaftlichen Ansatz zur Beurteilung der Resilienz von Dörfern. In diesem Sinne überträgt der Autor das Verständnis von Resilienz auf das System Dorf und spricht von der „Fähigkeit von Dörfern, den Wandel kreativ zu gestalten und nicht nur zu erleiden“. Die Entwicklung eines Resilienz-Modells und dessen Operationalisierung für die Analyse der Resilienz von Dörfern beruht auf einer umfassenden, disziplinübergreifenden Literaturrecherche und stellt ein wichtiges Teilergebnis der Forschung dar.

Für die Durchführung der empirischen Forschung wählte er das norddeutsche Oberndorf an der Oste im Landkreis Cuxhaven, Wooler in der englischen Grafschaft Northumberland und Albarracín in der nordöstlichen spanischen Provinz Teruel. Die empirische Forschung in drei unterschiedlichen Kultur- und Sprachräumen bietet tiefe Einblicke in die Lebenswelten der Untersuchungsorte und liefert differenzierte Erkenntnisse, die geeignet sind Resilienz bildende Prozesse zu erklären. Die aufwendige und ressourcenintensive empirische Forschung, die im Rahmen von langen und sehr produktiven Forschungsaufenthalten durchgeführt wurde, liefert einen enorm umfangreichen Bestand an empirischen Material. Es gelingt Adam Hernández in beeindruckender Weise das empirische Material zu analysieren und die gewonnenen Erkenntnisse in die Diskussion zur Optimierung des von ihm entwickelten Resilienz-Models zu integrieren. In idealer Weise trägt hier die empirische Forschung zur Weiterentwicklung eines theoretischen Modells bei. Darüber hinaus stellen die aus der Diskussion abgeleiteten Handlungsempfehlungen ein überaus wertvolles Ergebnis der Forschungsarbeit dar und bilden eine hervorragende Grundlage für eine resilienzorientierte Weiterentwicklung der Dorf- und Regionalentwicklung.

Oberndorf

Oberndorf, Deutschland

Albarracin

Albarracin, Spanien

Wooler

Wooler, England

 

Mit Bezug zur Praxis der Dorfentwicklung hebt Adam Hernández die fundamental wichtige Rolle von Schlüsselpersonen und Schlüsselorganisationen hervor. Sie können in der Dorfentwicklung zum strategischen Nachdenken anregen, Maßnahmen und Projekte unterstützen, zum Entwurf von Zukunftsvisionen einladen, das Ehrenamt strukturieren und unterstützen oder zum Ausprobieren neuer Ideen ermutigen.

Wichtige Einzelakteure sind in eher resilienten Dörfern sogenannte brückenschlagende Schlüsselpersonen – das kann ein Bürgermeister, ein Ortsvorsteher oder ein Dorfmoderator sein. Diese Schlüsselpersonen wirken an der Schnittstelle zwischen Menschen und Organisationen verschiedener Denk- und Handlungslogiken als „soziale Scharniere“ und können so für Verständigung und Kooperation sorgen. Zur Förderung von Resilienz in Dörfern sollten deshalb gerade die öffentlichen Stellen, so zum Beispiel die Kommunalverwaltungen rechtliche, organisationsstrukturelle und kommunikationsbezogene Fachberatung anbieten, um die Dorfentwicklung strategisch weiterentwickeln.

Adam Hernández stammt von Teneriffa und hat dort sein Diplomstudium in Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen. Danach führt ihn sein Weg nach Deutschland an die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen, wo er am Standort Göttingen den Masterstudiengang Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung absolvierte. Nach dem Studium sammelte Adam Hernández dann zunächst Praxiserfahrung in der Regionalentwicklung beim Landkreis Göttingen, bevor er von Juni 2016 bis Dezember 2019 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Ressourcenmanagement seine Dissertation erarbeitet hat. Finanziert wurde die Forschungstätigkeit durch das Programm „Forschungsperspektive FH – Fachhochschulforschung als Motor regionaler Entwicklung“.

Adam Hernández hat sich 2010 ganz bewusst für das Studium an der HAWK entschieden, zunächst mit dem Ziel, sich für die berufliche Praxis der Regionalentwicklung gut zu qualifizieren. Zehn Jahre später folgt die Promotion und damit stehen Adam Hernández nun die Türen von Wissenschaft und Praxis offen. Aktuell ist Adam Hernández als Wissenschaftler bei der Akademie für Raumentwicklung der Leibniz-Gesellschaft (ARL) in Hannover tätig.

Seit 2015 haben nun schon fünf Absolventinnen und Absolventen des Masterstudiengangs Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung im Bereich der Dorf- und Regionalentwicklung promoviert und weitere werden folgen. „Wir qualifizieren unsere Absolventinnen und Absolventen zwar immer noch überwiegend für eine Tätigkeit in der beruflichen Praxis, aber wer die Wissenschaft für sich entdeckt, kann auch diesen Karriereweg an der HAWK sehr erfolgreich beschreiten“, hebt Prof. Dr. Ulrich Harteisen hervor, „wir setzen auf kooperative Promotionsverfahren, so konnten mit dem Fachgebiet Geographie der Universität Vechta bereits einige Promotionsverfahren gemeinsam durchgeführt werden, wie nun auch das Verfahren von Alistair Adam Hernández.“